GRUSSWORT VON PFARRER DR. WOLFGANG SCHÖLLKOPF (Landeskirchlicher Beauftragter für württembergische Kirchengeschichte)

Luther kommt in den Schwarzwald

Wer ist Martin Luther? Darauf gibt es im 500-jährigen Reformationsjubiläum 2017 vielfältige Antworten, in zahlreichen Veröffentlichungen und Veranstaltungen. Dabei entdeckt im Gespräch mit der Geschichte jede Zeit auch ihren Luther, zeigt Interesse für heutige Fragen und stellt diese an die Geschichte von damals. Wer ist Martin Luther für mich? Das ist die Zielrichtung dieser spannenden Textsammlung der Evangelischen Erwachsenenbildung im nördlichen Schwarzwald. Ganz persönlich schildern unterschiedliche Menschen ihr eigenes Luther-Bild in Stärken und Schwächen. Kein Denkmal wird gebaut, sondern Denkwürdiges gesammelt. Die Eckpfeiler der Theologie Luthers, Christus, Bibel, Gnade, Freiheit werden ebenso genannt wie Zeitgebundenes, Macht, Verfolgung, Umgang mit Minderheiten. Seine Sprachkraft wird geschätzt, seine Sprachgewalt gefürchtet. Dabei wird, wie bei jedem Jubiläum, manches geschichtliche Ereignis auf diese eine Person verdichtet, das in Wirklichkeit in einem komplexen, auf viele Einflussfaktoren verteilten Geschehen, in Dialog und Diskurs entstanden ist. Aber: Wie kam Martin Luther in den Schwarzwald? Leider war er persönlich nie auf diesem schönen Fleckchen Erde unterwegs, wo er doch neben vielem auch den Silberbergbau, den er aus seiner Heimat kannte und der seine Welt so einschneidend veränderte, hätte besichtigen können. Doch er kam trotzdem auch hierher, in drei Transportmitteln: seine Schüler, seine Schriften, seine „Songs“, mit bedeutsamen Wirkungen. Zwar liegt das Herzogtum Württemberg mit seinen Amtsstädten wie Calw und Neuenbürg zunächst noch inmitten der drei entscheidenden reformatorischen Aufbrüche dieser Zeit: die Schweizer Reformation Zwinglis in Zürich, die Reformation in den oberdeutschen Reichsstädten unter der Führung Straßburgs und eben die lutherische Reformation mit Zentrum Wittenberg. Alle drei geben wesentliche Impulse in den großen Umbruch der zu Ende gehenden mittelalterlichen Ordnung, der große Sehnsüchte nach Erneuerung, aber auch große Ängste auslöste. Zunächst dominierte noch der erste Reformator für Südwürttemberg, Ambrosius Blarer, ein ehemaliger Alpirsbacher Mönch, der die schweizerisch-oberdeutsche Richtung vertrat, das Geschehen und vermittelte etwa Hieronymus Krantz aus der Schweiz als ersten evangelischen Pfarrer nach Calw. Erster Lutherschüler war dann Markus Heiland, der großen Einfluss auf den gesamten Nordschwarzwald hatte. Ebenso wurden die ersten neuen Geistlichen nach Neuenbürg oder Altensteig berufen. Wichtig war auch die Entwicklung des einmal bedeutsamen Klosters Hirsau. Zunehmend aber wurde der Einfluss Luthers immer bedeutsamer und seine Anhänger kamen auch in den Schwarzwald. Seine Schriften wurden auch hier begeistert gelesen, von der Freiheit eines Christenmenschen, vom Bildungsauftrag der Kommunen, vom Abendmahl. In Wildberg warfen gar einmal Reformbegeisterte Schriften zur Kirchenerneuerung über die Mauern des Klosters Reutin – Flugschrift, ganz praktisch! Sie wurden dafür allerdings von der habsburgischen Besatzung streng bestraft. Reformation, das war und ist auch ein Wagnis. Geniales Transportmittel lutherischer Gedanken für das einfache Volk waren seine Lieder, die gekonnt die Entdeckungen der Reformation in ihren Strophen verdichten, wie zum Beispiel: „Nun freut euch lieben Christen g’mein“. (EG 341) Oft auf Melodien des Alltags gelegt, luden diese Lieder zum kräftigen und befreienden Mitsingen ein; evangelische Gemeinde ist singende Gemeinde geworden. So kam Luther auch in den Schwarzwald und nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 prägten Herzog Christoph von Württemberg, der Reformator und geniale Lutherschüler Johannes Brenz und der begabte Jurist Sebastian Hornmoldt in Kirchenordnung, Katechismus und Bekenntnis ein evangelisches Staatswesen in Kirche, Schule und Sozialwesen. Allein in der Liturgie folgten die Schwaben Luther nicht, übernahmen nicht die Deutsche Messe, sondern blieben bei ihrem schlichten, aber schönen Predigtgottesdienst, der aus den Reichsstädten stammte. So zogen Bildung und Bibel, Gesang und Gemeinschaft in sozialer Verantwortung im reformatorischen Gefolge auch in den Schwarzwald ein mit weitreichenden kulturellen Folgen. Deshalb lohnt es sich auch in den Aufgaben der Gegenwart zu fragen: Was ist reformatorisch? Wer ist Luther? Und, so, wie hier geschehen: Wer ist Luther für mich?

 

Literatur: Ehmer, Hermann: Calw – Geschichte einer Stadt. Kirchengeschichte II: Von der Reformation bis zum 18. Jahrhundert, hg. v. Stadtarchiv Calw, Calw 2007 Luther kommt nach Württemberg – Berührungen, Wirkungen und Bilder. Begleitbuch zur Ausstellung, hg. v. Andrea Kittel und Wolfgang Schöllkopf (Kleine Schriften des Vereins für württembergische Kirchengeschichte, Nr. 22), Stuttgart 2017 Pfarrer Dr. Wolfgang Schöllkopf Landeskirchlicher Beauftragter für württembergische Kirchengeschichte

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