Interview mit Samir Samra (Praktikant an der SRH Calw)

Die Botschaft nicht verkürzen!

Martin Luther versuchte die Gesetze der christlichen Religion zu verbessern. Am wichtigsten war, dass er die Bibel in seine Muttersprache, das Deutsche, übersetzt hat. Das war sehr wichtig für die Leute, denn für sie bedeutete es, dass sie die Bibel nicht mehr nur in Latein lesen konnten. Sie konnten somit die Worte direkt in ihrer eigenen Sprache in ihrer Bedeutung entfalten. Dadurch konnten sich die Menschen viel intensiver mit der Religion befassen. Die Bedeutung dessen kann man gar nicht überschätzen, auch für die Bildung der Menschen. In meiner Religion, dem Islam, ist dies sehr ähnlich. Der Koran ist in der arabischen Hochsprache verfasst. Ihn zu lesen, bildet die sprachlichen Fähigkeiten der Menschen. Dies liegt daran, dass so viele Implikationen in den einzelnen Sätzen stecken, die erst nach mehrfachem Lesen deutlich werden.

Daneben hat Luther durch seine Revolution das damals erstarrte Denken in der christlichen Religion stimuliert und wieder in Gang gebracht. Er hat gewissermaßen das Denken in der Religion verankert. Sehr gut finde ich, dass er an den einen Gott geglaubt hat, den er gefunden hatte. Ein sehr wichtiger Aspekt an Luther war auch, dass er mit dem Gedanken des sola gratia alles rein Monetäre, alle menschlichen Abhängigkeiten und allen Ablasshandel durch die Dankbarkeit gegenüber Gott ersetzte.

Aber er hatte auch ein bisschen fundamentalistische Züge im Bezug auf die Juden. Er hat das auf die Überantwortung Jesu zum Tod bezogen. Zwar hat er die Juden nicht getötet, aber er drang darauf, dass sie ihren Glauben wechselten. Ich denke, das hat eine sehr wichtige Botschaft auch heute, gerade in einem Zeitalter, in welchem wir mit islamistischem Terror konfrontiert sind. Im Kern haben alle drei großen Weltreligionen, auch der Islam, nichts mit Krieg oder Töten zu tun. Für ein solches Verständnis muss man diese Botschaften auf ein paar aus dem Kontext gerissene Gedanken verkürzen. Aber eine solch schreckliche Botschaft ist für jeden wirklich religiösen Menschen unfassbar – mit Gott hat sie nichts zu tun und man sollte das nicht mit Religion verwechseln.

 

Samir Samra kam im September 2015 als Flüchtling nach Deutschland. Heute lebt der 32-Jährige Syrer in der Nähe von Calw, in Gechingen. Durch seine offene Art haben ihn inzwischen viele in ihr Herz geschlossen.

 

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