Interview mit Dag Baehr (Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte in Calw)

Wertegebundenheit und Gewissensverpflichtung – mit neuen Mitteln

 

Der Inbegriff der Person Martin Luthers wäre für mich „streitbarer Mönch“. Er ist für seine Überzeugung, deren Form in seiner Zeit definitiv nicht alltäglich war, gegenüber einer sehr mächtigen Kirche eingetreten. Das ist etwas – auch durch die Brille meines Berufes betrachtet –, was mit großem persönlichen Mut und Standhaftigkeit verbunden ist.

Wenn ich gedanklich meine bisherige berufliche Laufbahn Revue passieren lasse und mich dabei frage: „Wo bin ich Luther begegnet?“, fällt mir eine Begebenheit ein, die ungefähr fünf Jahre zurückliegt. Ich bin in meiner unmittelbaren Vorverwendung  einem protestantischen Pastor begegnet, für den der Begriff der Freiheit eine Lebensmaxime ist: Joachim Gauck. Als Joachim Gauck Bundespräsident wurde, war ich sein Adjutant, also sein erster Soldat. Als er erfahren hat, dass ich einen akademischen Hintergrund habe, der in die Richtung der Philosophie geht, kamen wir auch darüber ins Gespräch. Dabei sind wir auch auf ein Thema gestoßen, welches für mich akademisch von großer Bedeutung war, da ich meine Diplom- bzw. Magisterarbeit darüber geschrieben hatte. Es ging um die Schrift Immanuel Kants „Zum ewigen Frieden“. Das ist ein interessanter Titel, insbesondere auch für Soldaten. Das Personenpaar Luther und Kant ist für die Begriffe Gewissen und Freiheit noch immer hochaktuell. Dazu braucht man nicht einmal ein Lutherjahr. Insbesondere auch in meinem Studium wurde ich mit der Nase auf Luther gestoßen. „Wie sind Menschen ihrem Gewissen verpflichtet? Und welche Sichtweisen haben dabei Luther und Kant?“ Diese Fragestellungen sind durchaus interessant. Der eine bezieht sich dabei auf Gott, der andere auf die Vernunft. Die Möglichkeit, da ein ethisches Gesetz zu formulieren, hat mir in meinem Studium große Freude bereitet. Das ist auch ein bisschen wiederbelebt worden in den Gesprächen mit dem Bundespräsidenten.

Ein weiterer, sehr moderner Aspekt im Zusammenhang mit der Person Martin Luthers ist für mich der Buchdruck. Ohne diese Erfindung wäre die Reformation in vielen Bereichen nicht so erfolgreich gewesen. Das ist auch heute wieder wichtig, wenn es darum geht, Medien zu bedienen, um bestimme Botschaften verbreiten zu können. All diese Dinge kann man an der Person Luthers festmachen. Ich glaube, Kirche kann auch heute erfolgreich sein, wenn sie sich überlegt, wie sie junge Menschen wieder zu einer Wertegebundenheit und einer Gewissensverpflichtung führen kann. Viele junge Menschen, die der Kirche heute begegnen, sehen in ihr jedoch eher eine ritualisierte Glaubensverwaltung.

Ich glaube, dass sich die Kirche heute wie seinerzeit Luther – „neuer“ Medien bedienen müsste, gerade auch weil wir heute eine „Generation YouTube“ haben. Auch andere Medien, beispielsweise soziale Netzwerke, könnte man nutzen. Allerdings reicht es nicht aus, wenn man auf Youtube einfach Videoaufnahmen von Gottesdiensten einstellt – so funktioniert dieses Format nicht. Auch die Bundeswehr muss diese Medien nutzen, wenn es darum geht, Nachwuchs zu gewinnen. Als wir unsere Werbung auf YouTube geschaltet haben, hatten wir innerhalb einer Woche eine halbe Millionen Klicks. Diese Reichweite haben wir dadurch erreicht, dass wir die Videos auf eine Art und Weise gedreht haben, die junge Menschen anspricht und interessiert. Über eine halbe Millionen Klicks würde sich die Kirche bestimmt sehr freuen. Man müsste sich nur überlegen, welches Format man bedienen muss. Das ist etwas, was ich als Luther der heutigen Zeit verändern würde: Ich würde auch versuchen zu reformieren, aber eben mit den Mitteln, die in unserer Zeit modern sind. So wie es der Buchdruck damals für Luther war.

 

Brigadegeneral Dag Baehr ist seit vier Jahren Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte in Calw und seit 32 Jahren Soldat der Bundeswehr. Durch sein Hobby, das Bergsteigen, ist er bei der Bundeswehr zum Bergführer ausgebildet worden. Während seiner Zeit bei der Bundeswehr hat er zudem das Studium der Staats- und Sozialwissenschaften und der Philosophie in München absolviert.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen