Interview mit Bernhard Reich (pensionierter Landeskirchenmusikdirektor in der württembergischen Landeskirche)

Das stärkste Zeichen des 21. Jahrhunderts

 

Mit der Person Martin Luthers verbinde ich vor allem zwei Dinge. Zum einen den Mut und die Freiheit, für die eigene Erkenntnis und Überzeugung einzustehen und sich zu dieser zu bekennen. Er widerstand dabei sowohl der kirchlichen als auch der säkularen Herrschaft und Macht. Zum anderen verbinde ich mit ihm die Wertschätzung der Musik in der Kirche. Dieser Stellenwert hat eine Bewegung in Gang gesetzt und die Kirchenmusikgeschichte bis heute wesentlich geprägt. Mit dem Gesang hat er der Gemeinde eine Aufgabe während des Gottesdienstes gegeben und ihr ermöglicht, diesen aktiv mitzugestalten und dadurch selbst zu Wort zu kommen.

Martin Luthers Wirken basierte auf den folgenden fünf Grundsätzen: sola scriptura – allein die Schrift ist die Grundlage unseres Glaubens, solus Christus – Christus steht im Mittelpunkt unseres Glaubens, sola gratia – allein durch die Gnade Gottes wird der Mensch errettet, sola fide – alles, was ihr tut und sprecht soll aus dem Glauben heraus kommen und soli Deo gloria – es muss Gott zur Ehre dienen. Diese würde er bei unserer heutigen Kirche und Gemeinschaft abfragen und sie mit dem vergleichen, wie wir leben und was wir tun. Des Weiteren würde er die Atomisierung unserer Kirche kritisieren. Durch die stetige Bildung von Kleinkirchen streben die Menschen eine Gemeinschaft an, in der alle gleich denken, fühlen, beten und singen. Dies hat jedoch zur Folge, dass keinerlei Toleranz gegenüber Andersdenkenden und -glaubenden mehr herrscht.

Für die Zukunft wünsche ich mir eine gegenseitige Anerkennung und Zusammenführung der beiden großen Kirchen. Aufgrund der 500 Jahre langen Trennung kann dies natürlich nicht sofort umgesetzt werden, sondern muss in einem jahrelangen Prozess aufgebaut werden. Dieser Prozess ermöglicht beiden Seiten, sich noch intensiver kennenzulernen und von den Traditionen des jeweils anderen zu lernen und zu profitieren. Es wäre das stärkste Zeichen des 21. Jahrhunderts.

 

 

Bernhard Reich ist pensionierter Kirchenmusiker. Er war sechs Jahre lang als Landeskirchenmusikdirektor in der württembergischen Landeskirche tätig und war zuvor 32 Jahre Bezirkskantor der Stadtkirche in Calw. Bevor Herr Reich nach Calw kam, war er drei Jahre lang Kirchenmusiker in Stuttgart-Möhringen.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen