Interview mit Thaar Altalaa (IT-Praktikant an der SRH Calw)

Veränderungen im Kleinen können viel bewirken

 

Ich habe schon in Syrien von Martin Luther gehört. In meiner Studienzeit las ich gerne Bücher außerhalb meiner Fachdisziplin, der Betriebswirtschaft. So las ich Platon lieber als meine Fächer. In dieser Zeit war ich in Lattakia am Strand und wohnte in einer kleinen Wohnung und das Meer war vor meiner Wohnung, das Wetter war unglaublich schön und auf meinem Balkon saß ich mit einer Tasse Kaffee, einer Beethovensymphonie, und ich verschlang die ganzen Klassiker, unter ihnen natürlich auch Martin Luther. Was mir an Luther so gefiel: dass er eine intellektuelle Revolution initiierte. In dieser Zeit liefen alle Leute in eine Richtung und waren sich konsequenterweise dessen gar nicht mehr bewusst.

Seit der Zeit Luthers hat eine schleichende Säkularisierung eingesetzt. Mehr und mehr Leute haben die durch Luther erkämpfte Freiheit für sich dergestalt in Anspruch genommen, dass sie die Kirche verlassen haben. Ich glaube, wie gesagt, dass nicht alles vor Luther schlecht war. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie die durch die Revolution Luthers gewonnene Freiheit zur Auseinandersetzung mit der Kirche in freiem Dialog genutzt hätten?

Wir leben in einer verrückten Zeit. Ich weiß nicht, ob bzw. wie Luther wohl in dieser Zeit eine Stimme hätte haben können. Die guten Menschen, die intelligenten Menschen, denen wir zuhören müssten, scheinen keine Stimme zu haben in dieser Zeit. Ein chinesisches Sprichwort sagt: Jede verrückte Zeit braucht eine verrückte Person. Was wir heute sehen von Trump über bis Putin bis Assad, von vielleicht mehr als zweihundert Ländern der ganzen Welt, zeigt uns, dass die verrückten Leute im Moment zu explodieren scheinen. Aber das heißt nicht, dass man einfach untätig bleiben sollte. Keiner kann die ganze Welt ändern. Worauf man sich jedoch konzentrieren kann, ist, sich selbst und sein eigenes kleines Umfeld zu ändern. Solche Veränderungen im Kleinen können in der uns bevorstehenden Zukunft dann vielleicht einmal viel mehr bewirken als es zunächst zu scheinen vermag.

 

 

 

Thaar Altalaa – IT-Praktikant und syrischer Flüchtling aus Damaskus und seit August 2015 in Calw. Aktuell liegt sein Fokus darauf, die Sprache noch besser zu lernen, Praktika zu absolvieren und möglichst bald in Ausbildung oder Studium zurückzufinden. In seiner Freizeit spielt Thaar gerne Schach ad personam und verfasst Gedichte.

 

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