DIE 95 THESEN MARTIN LUTHERS


Ein Versuch einer Übertragung in die Sprache von heute

„Die 95 Thesen von Martin Luther waren und sind eine Einladung zum Gedankenaustausch. Man nannte das früher ‚Disput‘.

In 500 Jahren hat sich nicht nur unser Sprachgefühl verändert. Manche Begriffe und Formulierungen sind uns heute schwer verständlich. Es gibt auch den einlullenden Effekt der Gewöhnung an eine ‚Sprache Kanaans‘. In den Thesen ist die Sprache von Gnade, Buße, von Himmel und Hölle, vom Fegefeuer, vom Ablasshandel – und über allem steht die Liebe nach der Wahrheit. Vieles klingt auf den ersten Blick so ‚glatt‘. Aber das wird dem Charakter der Thesen wenig gerecht. 500 Jahre gehen nicht spurlos vorbei. Die Frage nach der Schuld, die Rede vom Leben nach dem Tod, die Frage nach der Gerechtigkeit, die Liebe Gottes, das Verhältnis von Kirchenleitung, Pfarrerinnen und Pfarrern und den Laien sind immer noch hochaktuell. In Geldfragen stehen Kirchen bis heute unter besonderer Beobachtung.

Es wäre reizvoll, die 95 Thesen z.B. in die schwäbische Mundart zu übertragen. Das gibt dem Originaltext seine Ursprünglichkeit zurück. Ich bin kein Schwabe. Ich versuche es auf meine Weise. Meine Übertragung verstehe ich – ganz im Sinne Martin Luthers – als einen Impuls zum Innehalten und Weiterdenken.“

Reinhard Kafka

Geschäftsführer
Evangelische Erwachsenenbildung
nördlicher Schwarzwald

 

Es geht um die Liebe zur Wahrheit. Wir wollen sie in der Tiefe verstehen. Wir wünschen uns einen Meinungsaustausch. Dazu laden wir ein. In Wittenberg soll unter dem Vorsitz des „ehrwürdigen Vaters Martin Luther, Magisters der freien Künste und der heiligen Theologie sowie deren ordentlicher Professor“, über folgenden Sätze „disputiert“ werden. Deshalb bittet er die, die nicht anwesend sein und sich nicht mündlich mit uns austauschen können, dieses in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, Amen.

  1. Jesus Christus ist unser Herr. Er spricht in der Bibel von Buße. Wir sollen immer prüfen, was wir tun und denken. Er will, dass wir verantwortlich handeln.
  2. Menschen haben ihre Schwächen und Stärken. Sie machen schwere Fehler. Das geht nicht einfach so vorbei. Da kann nicht jemand entscheiden: „Jetzt ist alles wieder gut!“ Priester haben keinen Auftrag von Gott, uns dabei Vorschriften zu machen.
  3. Verantwortlich handeln – das passiert nicht still und heimlich. Das spürt man und kann wehtun.
  4. Dagegen können wir etwas tun. Das ist ein innerer Kampf. Der dauert ein Leben lang und schließt den Tod mit ein.
  5. Es gibt keine Person in der Kirche, die uns einfach etwas vorschreiben kann. Nur weil es ihr oder ihm in den Kram passt. Oder weil es irgendwann einmal beschlossen wurde.
  6. Gott hat etwas zu sagen. Er will, dass jeder Mensch mit sich selbst und anderen ins Reine kommt. Es ist wichtig, wenn der Papst daran erinnert. Aber der Papst ist kein Richter über Gut und Böse.
  7. Gott allein verzeiht. Das sollen auch Priester und ihre Stellvertreter beachten.
  8. Wenn das Leben ans Ende kommt, dann soll jeder Streit über richtig und falsch aufhören.
  9. Der Heilige Geist handelt. Das spürt man, wenn Menschen in der Kirche Verantwortung übernehmen. Beim Tod und in höchster Not gelten aber eigene Regeln.
  10. Es ist schlimm, wenn Menschen beim Sterben Angst haben, wie es nach ihrem Tod weitergeht. Da sollen Priester lieber den Mund halten.
  11. Über ein Gericht nach dem Tod wird viel Unfug geredet. Vielleicht ist dies Absicht. Die Menschen, die in der Kirche Verantwortung tragen, haben da wohl nicht aufgepasst.
  12. Es gab Zeiten, da hat man Menschen bereits vor einem Urteil abgestraft. Man wollte prüfen, ob ihnen ihre Taten leidtun.
  13. Mit dem Sterben und dem Tod beginnt die Freiheit. Da stellen sich keine Fragen von Gut und Böse mehr. Personen, die in der Kirche das Sagen haben, erinnern an das, was in der Bibel steht. Nichts anderes ist ihre Aufgabe.
  14. Beim Sterben haben Menschen Angst, nicht genügend geliebt und geglaubt zu haben. Je größer ihre Zweifel sind, desto größer ist ihre Angst.
  15. Es gibt eine schreckliche Angst. Es ist die Angst, dass die Menschen nach ihrem Tod großen Qualen ausgesetzt sind.
  16. Es gibt eine große Unsicherheit. Was geschieht mit mir? Welche Hoffnung gibt es für mich?
  17. Kann man sagen, dass die Liebe Gottes über den Tod hinausgeht? Die Liebe hört nicht auf.
  18. Es lässt sich nichts sagen, was nach dem Tod geschieht.
  19. Eigentlich sind wir sicher. Aber Zweifel plagen uns.
  20. Der Papst kann Strafen erlassen. Aber das kann der Papst nur im Rahmen der Rechte, die ihm zugeordnet sind.
  21. Die Prediger liegen falsch, die sagen, dass der Papst alle Strafen erlassen kann.
  22. Wenn der Mensch gestorben ist, dann kann der Papst keine Strafen mehr erlassen.
  23. Es mag ganz seltene Ausnahmen geben.
  24. Wenn das Gegenteil versprochen wird, dann soll das Volk getäuscht werden. Das ist Absicht.
  25. Im Prinzip ist es egal, ob einer Papst, Bischof, oder einfacher Seelsorger ist.
  26. Es ist sehr richtig, wenn der Papst für die Menschen betet. Nur dafür ist er zuständig.
  27. Es gibt Leute, die behaupten: „Mit Geld kann ich Seelen retten.“
  28. Richtig ist: auf diese Weise wird Kasse gemacht. Die Kirche kann viel beten. Was geschieht, ist Sache Gottes.
  29. Wer will denn wissen, was der Verstorbene wollte? Wie war es denn mit St. Severin und Paschalis?
  30. Was heißt schon „es tut mir wirklich leid“? Wie soll einer wissen, dass er völlig unschuldig ist?
  31. Es wird kaum vorkommen, dass ein Mensch für seine Taten voll und ganz einsteht. Daher wird sich kaum ein Mensch wirklich von seinen Schuldgefühlen freikaufen können.
  32. Ein Stück Papier bringt alles wieder in Ordnung. Wer das glaubt, der ist auf dem Holzweg. Das rächt sich. Das gilt auch für die, die ihm das eingeredet haben.
  33. Passt auf! Menschen behaupten: Ein Stück Papier ist Ausdruck der Liebe Gottes.
  34. Das Stück Papier bezieht sich nur auf die Regeln, die die Kirche erlassen hat.
  35. Es ist wichtig, mit sich ins Reine zu kommen. Dazu muss man aber kein Stück Papier kaufen oder sich Vorteile erschleichen. Das ist sehr unchristlich!
  36. Jeder Christ, der sagt „Ja, das habe ich gemacht. Es tut mir wirklich leid“, braucht kein Stück Papier. Er ist unschuldig. Er braucht keine Strafe mehr. Das ist sein Recht.
  37. Jeder Christ, tot oder lebendig, ist ein Teil von Gott und der Kirche – auch ohne ein Stück Papier.
  38. Es gibt etwas Gutes. Das Gute ist, dass es bekannt wird, dass Gott verzeiht.
  39. Es gibt eine Menge von diesen Stück Papieren. Wer will denn die Ehrlichkeit der Menschen wirklich prüfen? Selbst die gelehrtesten Theologen schaffen das nicht!
  40. Wer mit sich selbst und anderen ins Reine kommen will, der nimmt Strafen in Kauf. Es gibt aber diese Flut von diesen Stück Papieren. Was zählt da noch? Was ist glaubwürdig?
  41. Also Achtung! Es kann über die päpstliche Regelung informiert werden. Im Vordergrund soll aber stehen: Es zählen die guten Taten der Liebe.
  42. Man muss sagen: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ein Stück Papier ist nicht dasselbe wie das, was in Liebe geschieht.
  43. Man muss sagen: Es ist besser, dem Armen zu geben oder dem, der es nötig hat, etwas zu leihen, als ein Stück Papier zu kaufen.
  44. Wir wollen doch das eine: Die Liebe wächst und der Mensch wird besser. Das wird möglich durch Taten der Liebe. Ein Stück Papier macht den Menschen nicht besser. Er ist nur teilweise frei.
  45. Man muss sagen: Gott wird zornig, wenn er sieht: Da ist einer, der sein Geld für ein Stück Papier hergibt und darüber die Augen vor der Not der Welt zumacht.
  46. Man muss sagen: Die, die nicht in Geld schwimmen, sollen das behalten, was sie zum Leben brauchen. Ein Stück Papier ist eine Verschwendung.
  47. Man muss sagen: Es ist freiwillig. Niemand kann dich zwingen, das Stück Papier zu kaufen.
  48. Man muss sagen: Geld ist dem Papst nicht wichtig. Wichtiger ist, dass für ihn gebetet wird.
  49. Man muss sagen: Man soll nicht sein Herz an ein Stück Papier vom Papst hängen. Es schadet, wenn man darüber Gott aus den Augen verliert.
  50. Man muss sagen: Weiß der Papst, wie die Geldeintreiber predigen? Das sind Erpressungsmethoden! Der Papst lässt wohl lieber die Peterskirche zu Asche verfallen.
  51. Man muss sagen: Es ist die Pflicht des Papstes, das gesammelte Geld umzuverteilen. Wie wäre es? Die Peterskirche wird verkauft. Die Einnahmen werden zurückgegeben an die, denen es aus den Taschen geholt wurde. Zumindest überwiegend.
  52. Es ist sinnlos. Ein Stück Papier kann nicht glücklich machen. Selbst wenn die Unterschrift des Papstes oder eines Beamten draufsteht.
  53. Es gibt Feinde Christi und des Papstes. Das sind die, die anordnen: Das Wort Gottes hat keine Bedeutung mehr. Ein Stück Papier hat Vorrang.
  54. Die Hälfte der Predigt dreht sich um ein Stück Papier, die andere Hälfte um das Wort Gottes. Das ist ein Verbrechen am Wort Gottes.
  55. Das Verhältnis muss wieder stimmen. Für das Stück Papier kann man vielleicht einmal die Glocke läuten, eine Prozession machen und einen Gottesdienst feiern. Das Evangelium verdient aber hundertmal mehr. Der Papst soll es richten.
  56. Es gibt einen Schatz. Der Papst teilt ihn aus. Man weiß nur wenig darüber.
  57. Der Schatz macht niemanden reicher. Man kann ihn großzügig verteilen. Schade! Viele würden ihn gerne für sich behalten.
  58. Der Papst ist außen vor. Es tut uns gut, was Jesus und die Menschen gemacht haben, die in der Kirche wichtig sind. Das hilft, wenn es uns schlecht geht.
  59. Laurentius ist ein Vorbild. Er hat gesagt: Der Schatz der Kirche sind die Menschen, die nichts haben. Das hat man damals so gesagt.
  60. Wir sagen heute besser: Alles, was die Kirche hat, hat ihr von Christus geschenkt.
  61. Es ist klar: der Papst hat das Recht, ein Urteil zu sprechen. Er darf ein Urteil aufheben. Das soll aber eine große Ausnahme bleiben.
  62. Der Schatz der Kirche ist eine frohe Botschaft: Gott ist großartig. Er mag uns und sieht uns nach.
  63. Das stellt alles auf den Kopf. Die Menschen, die vorne stehen, sollen sich hinten anstellen. Das mag man nicht hören.
  64. Das Stück Papier ist beliebt. Es sagt: Die Menschen, die hinten anstehen, dürfen vorkommen.
  65. Das war ein Trick. So hat man früher reiche Menschen angelockt. Die blieben gefangen wie in einem Netz.
  66. Das ist heute noch so. Das Stück Papier ist ein Schatz.
  67. Für das Stück Papier wird viel Werbung gemacht. Es soll außerordentlich glücklich machen. In Wirklichkeit geht es nur um ein Geschäft.
  68. Das Stück Papier ist kaum etwas wert. Vergleicht einmal! Wichtiger ist: Gott mag uns. Das Kreuz verspricht uns Glück und Segen.
  69. Es wird verlangt: Bischöfe und Priester sollen tun, was sie können. Sie sollen den Leuten helfen, die das Stück Papier anbieten.
  70. Aber wichtiger ist: Bischöfe und Priester sollen Augen und Ohren aufmachen. Diese Leute sollen nicht Traumgeschichten erzählen. Sie arbeiten im Auftrag des Papstes.
  71. Ansonsten sollen diese Leute streng bestraft werden.
  72. Es gibt besonders freche Leute. Die kennen keine Grenzen. Dagegen muss man den Mund aufmachen. Die Menschen, die das tun, verdienen alle Anerkennung.
  73. Es gibt Leute, die als Betrüger unterwegs sind. Die bestraft der Papst schon jetzt.
  74. Es gibt Leute, die Schaden anrichten. Sie sagen falsche Sachen. Die soll der Papst auch bestrafen. Liebe und Wahrheit sind sehr wichtig.
  75. Es ist ein Wahnsinn! Da wird behauptet: einer hat die Mutter Gottes vergewaltigt. Mit einem Stück Papier ist alles wieder gut. Das geht doch nicht!
  76. Das Stück Papier ist nichts wert. Es macht nichts wieder gut. Überhaupt nichts.
  77. Einige sagen: Petrus steht auf derselben Stufe wie der Papst. Das ist doch ein Verbrechen!
  78. Wir sagen klar und deutlich: Die frohe Botschaft steht über allem. Sie spricht von vielen Möglichkeiten, gesund zu werden. Der Papst soll davon sprechen. Andere Päpste auch.
  79. Es ist ganz schlimm. Es gibt Kreuze. Darauf sind das Wappen des Papstes und der Hinweis auf das Stück Papier. Die sollen das Kreuz Christi ersetzen können.
  80. Es muss Strafen geben, wenn nichts geschieht. Bischöfe, Pfarrer und Theologen müssen etwas tun.
  81. Man muss zum Papst aufschauen können. Es fällt schwer, ihn vor Kritik zu schützen.
  82. Ein Beispiel. Es wird behauptet, es gibt nach dem Tod eine Zwischenstufe. Der Verstorbene hat eine letzte Chance. Man nennt es Fegefeuer. Der Papst kann sagen: Mit diesem Gedanken räume ich auf. Gott liebt die Menschen. Was ist das für ein Versprechen? Geld für die Peterskirche und alles wird gut? Warum zieht der Papst keinen Schlussstrich?
  83. Weiter: Da ist jemand gestorben. Nach dem Tod werden regelmäßig Gottesdienste bezahlt. Es wird Geld gespendet. Dann braucht es doch kein Stück Papier mehr!
  84. Weiter: Was soll das? Die Leute haben in ihrem Leben viel falsch gemacht. Jetzt sind sie tot. Geld soll das wieder in Ordnung bringen? Das ist Unrecht. Warum wird das Geld nicht zurückbezahlt?
  85. Weiter: Es gibt so viele überholte Regeln in der Kirche. Die Regeln wurden einmal beschlossen. Niemand hält sich daran. Sie sind tot. Dennoch fließt viel Geld. Was soll das?
  86. Weiter: Der Papst ist sehr reich. Er kann die Peterskirche mit eigenem Geld bauen. Warum braucht er das Geld von Menschen, die arm sind?
  87. Weiter: Die Leute zahlen Geld. Sie zahlen, um ihr Leben wieder vollkommen in Ordnung zu bringen. Also, was macht der Papst mit diesem Geld?
  88. Weiter: Ist es für die Kirche nicht besser? Der Papst sagt an jedem Tag hundertmal: Dieser Mensch hat schwere Fehler gemacht. Jetzt ist wieder alles gut. Aber er tut es nur ein einziges Mal.
  89. Man fragt sich: dem Papst geht es doch nicht ums Geld. Er will, dass es den Menschen gut geht. Es gibt alte Briefe und Dokumente. Sie sagen: es ist alles gut. Warum sagt der Papst: sie sind plötzlich ungültig?
  90. Menschen stellen ihre Fragen. Sie erhalten keine richtigen Antworten. Sie werden eingeschüchtert. Die Folge: die Feinde von Kirche und Papst machen sich lustig. Christen werden unglücklich.
  91. Es gibt eine Lösung: Man redet wie der Papst. Dann ist alles klar.
  92. Weg mit all den Leuten, die den Christen sagen: „Friede, Friede“! Es gibt doch keinen Frieden.
  93. Weg mit all den Leuten, die den Christen sagen: „Kreuz, Kreuz“! Sie spüren doch nichts.
  94. Man muss den Christen sagen: Christus ist das oberste Ziel. Der Weg zu ihm ist schmerzhaft und schrecklich. Er führt durch den Tod. Das ist euer Weg.
  95. Am Ende lohnt es sich. Es wird Tränen kosten. Schließlich ist alles gut. Dort ist Frieden, kein Scheinfrieden.

 

 

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